Referatsthemen als Spiegel eines halben Jahrhunderts (Teil 1)

von Hans Fahrländer

Lions International wurde mitten im Ersten Weltkrieg, 1917, in den USA aus der Taufe gehoben. Nach dem Zweiten Weltkrieg fasste die Bewegung auch in Europa Fuss. Neben berufsständische und gemeinschaftsbildende Motive für Club-Gründungen trat im Nachkriegs-Europa die moralische und materielle Wiederaufbauhilfe für kriegsversehrte Länder und Städte.

Die Schweiz gehörte mit zu den ersten Lions-„Bastionen“ in Europa. Nach einer ersten „Gründungswelle“, 1948–1951, vor allem in den grösseren Städten, kam es Mitte der 50er-Jahre zu einer zweiten Welle von Club-Gründungen; zu ihr zählen auch die ersten Aargauer Gründungen, Aarau und Baden.

Gemeinhin herrscht die Ansicht vor, wer einen Serviceclub gründe, suche vor allem einen Kreis der Freundschaft und Geselligkeit sowie ein Forum für Hilfeleistungen und den Austausch im Berufs- und Geschäftsleben. Doch schwangen und schwingen da nicht auch öffentliche, im weitesten Sinne politische (zu Deutsch: die Gestaltung der Gemeinschaft betreffende) Ziele zumindest flankierend mit? Betrachten wir die beiden massgeblichen Papiere der Lions-Bewegung:

Der Ehrenkodex umfasst primär Werte und Grundsätze des individuellen und berufsständischen Lebens: Verhalten im Berufs- und Geschäftsleben, Hilfsbereitschaft gegenüber Mitmenschen, Pflege der Freundschaft. Die Verpflichtungen des öffentlichen Lebens folgen weiter unten; erwähnt werden insbesondere die Pflichten gegenüber dem Vaterland und der Gemeinschaft.

Unter den Zielen von Lions International sind für unsere Fragestellung vor allem relevant:

  • den Geist gegenseitiger Verständigung unter den Völkern der Welt zu wecken und zu erhalten;
  • die Grundsätze eines guten Staatswesens und guten Bürgersinn zu fördern;
  • aktiv für die bürgerliche, kulturelle, soziale und allgemeine Entwicklung der Gesellschaft einzutreten;
  • ein Forum für die offene Diskussion aller Angelegenheiten von öffentlichem Interesse zu bilden, ohne jedoch politische Fragen parteiisch und religiöse Fragen unduldsam zu behandeln.

Mit anderen Worten: Lions Clubs sind zwar keine aktivenpolitischen Institutionen. Doch sie sind auch nicht bloss Privatclubs. Sie sind gehalten, neben der Hilfe an Bedürftige, der Pflege von Freundschaft und dem beruflichen Austausch auch die Fährnisse der Zeit zu debattieren, zu verstehen, was in der Welt läuft, und Beiträge zur Entwicklung der Gemeinschaft zu leisten. Wer also das Clubleben und die Referatthemen eines 50-jährigen Lions Club studiert, der sollte die geistige Auseinandersetzungen der fünf Jahrzehnte, die Ereignisse und Entwicklungen in der Welt, der Schweiz und der Region gespiegelt finden. Um das Fazit vorwegzunehmen: Es funktioniert beim LC Baden. Es gibt Reflexe zur Aussen-, Innen- und Regionalpolitik. Und es gibt Diskussionen über gesellschaftliche Entwicklungen. Allerdings gibt es über die Jahre grosse Unterschiede. Dies hängt nicht nur mit der jeweiligen Zeit zusammen, sondern auch mit den jeweiligen Präsidenten und Programmgestaltern, die einem Jahr ihren ureigenen Stempel aufdrücken.

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Referatsthemen als Spiegel eines halben Jahrhunderts

Hans Fahrländer


0.1997