Referatsthemen als Spiegel eines halben Jahrhunderts (Teil 6)
90er-Jahre und Jahrtausendwende
Beim Durchblättern der Annalen um 1990 fällt zunächst auf, dass das Mega-Thema der Epoche fehlt: Der Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks, das Ende des Kalten Krieges, die Wiedervereinigung Deutschlands finden keinen Widerhall im Lions-Programm. Dafür erscheint im März 1990 erstmals das Thema Europa: Urs B. Rinderknecht, Direktor der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG, später UBS), sprach zum Thema „EG 92: Herausforderung und Chance für die Schweiz“. Es ging dabei um die Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft, um den Transformationsprozess zur Europäischen Union (EU), um den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) – vor allem aber um die Rolle der Schweiz im europäischen Integrationsprozess. Im Dezember 1992 hat das Schweizervolk, trotz grossem Einsatz von Politik und Wirtschaft, den Beitritt zum EWR knapp abgelehnt. Mit auf dem Tapet blieben technische und gesellschaftliche Fragen und deren Verlinkung: So sprachen im Frühjahr 1990 der Ethiker Professor Hans Ruh über die „Ambivalenz des Fortschritts“, und Atel-Direktor Paul Hürzeler fragte: „Hat die Kernenergie ausgedient?“ Im August 1990 erschien erstmals die „permanente Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen im Lions-Programm: Der Gründer der Vita-Sana-Kurkliniken postulierte „Gesundheits- statt Krankenkassen“.
Ab Mitte der 90er-Jahre bis über die Jahrtausendwende stellt man in den Lions-Programmen eine ähnliche Entwicklung fest wie in der Gesellschaft: Individualisierung, Pluralisierung, multioptionale Gesellschaft. Das Leben ist kompliziert geworden; es fällt schwer, den Überblick zu bewahren. Das heisst, es lassen sich kaum mehr Trends aus den Programmen ablesen; jeder Präsident setzte seine Schwergewichte: die Politik, die Wirtschaft, die Kommunikation, die Wirtschaft, die Kultur, den Sport. Oftmals traten prominente Zeitgenossen auf, zum Beispiel Daniel Plattner, der Präsident des Schweizerischen Olympischen Komitees, Radsportlegende Ferdy Kübler – aber auch die erste aargauische Regierungsrätin Stéphanie Mörikofer. Bereits im August 1997, als es noch in den Kinderschuhen steckte, taucht die Kommunikationsrevolution des Internets im Programm auf: Zwei Vertreter der UBS referierten über „Internet und Banken“. Ebenfalls 1997 erscheint ein weiteres Thema des Millenniums: Die Schweiz bringt ihre Sockelarbeitslosigkeit nicht mehr weg; die Leiterin des Sozialdienstes Baden, Frau Hochstrasser, sprach über Folgen für die betroffenen Menschen.
Grossthemen des neuen Jahrtausends scheinen spotmässig auf: die Expo 02 mit der Leiterin des Aargauer Projektes, Katja Gentinetta , die Grossbaustelle am Baregg mit dem obersten Bauherrn und Lions-Kollegen Peter Beyeler oder die neue Fachhochschule Aargau mit ihrem ersten und zugleich letzten Direktor Peter Amacher (sie ging 2006 in der Fachhochschule Nordwestschweiz auf). Externe und interne Referentinnen und Referenten haben über fünf Jahrzehnte die Entwicklungslinien von Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft gespiegelt. Der Lions Club Baden stand damit im letzten halben Jahrhundert mitten in der Zeit. Es ist nicht daran zu zweifeln, dass dies auch im nächsten halben Jahrhundert so sein wird.
Referatsthemen als Spiegel eines halben Jahrhunderts
Hans Fahrländer

